Ich liebe es, meine Weingärten zu bestellen und mit den Lebewesen in der Umgebung zu interagieren. Mein Credo lautet „Unchained“ – mein Ziel ist es, dass meine biodynamisch bewirtschafteten Weingärten ein Ökosystem werden, in dem Eingriffe immer weniger notwendig sind. Und ja: Betrachtet man die Jagd, so greift sie – ähnlich wie der Weinbau – in die Umwelt ein.
Es könnte ungewöhnlich erscheinen, auf eine Entwicklung hinzuarbeiten, die den Jäger verzichtbar macht und die Natur in dieser Hinsicht „entkettet“. Aber genau dieses Paradox ist der Punkt: Wir leben in Kulturlandschaften. Es gibt Felder, Weingärten, Straßen, Dörfer – und Wildtiere, die sich darin bewegen. Wenn wir Nachhaltigkeit ernst nehmen, dann müssen wir auch über Wildtiermanagement sprechen – sachlich, respektvoll und ohne Romantisierung.
Warum Jagd überhaupt ein Thema im Weinbau ist
Wildschäden sind real – besonders in Junganlagen
In österreichischen Weingärten entstehen Schäden u. a. durch Verbiss (an Trieben/Früchten) und durch Wühl-/Trittschäden. Gerade in Junganlagen können Verbissschäden (z. B. durch Hasen, Kaninchen, Rehe) erheblich sein – bis hin zur Notwendigkeit, Reben nachzupflanzen.
Kulturlandschaft heißt: Balance ist kein Zufall
Wenn wir Reben pflanzen, Begrünung führen, Hecken setzen oder Flächen öffnen, verändern wir Lebensräume. Jagd ist in diesem Kontext nicht „Sport“, sondern – im Idealfall – ein Instrument, um Bestände gesund zu halten und Konflikte (Schäden, Überpopulation, Krankheiten) zu reduzieren.
Meine Philosophie dazu: „Arbeiten und leben lassen“ – aber mit Verantwortung
Ich schreibe auf meinem Wegweiser „Biodynamie“ – für mich heißt das: Eingriffe minimieren, Gleichgewicht stützen, Jahreszyklen beobachten. Gleichzeitig ist klar: Wir werden „die uns umgebenden Landschaften nicht alle zu jagdfreien Schutzgebieten erklären können“. Aber darauf hinarbeiten, dass wir weniger eingreifen müssen – das sollten wir.
Übertragen auf Jagd bedeutet das für mich:
- Ökologie vor Ego: Ziel ist nicht „viel“, Ziel ist „richtig“.
- Kooperation statt Grabenkampf: Winzer:innen, Jäger:innen, Grundeigentümer:innen – wir sitzen im selben Boot.
- Transparenz: Warum wird was gemacht? Welche Schäden? Welche Maßnahmen wirken?
Interview Martin Obenaus
Warum passt Jagd überhaupt zu „Unchained“?
Ich sehe Jagd und Weinbau als zwei Formen von Landschaftsmanagement. „Unchained“ heißt nicht „nichts tun“, sondern: so arbeiten, dass Natur stabiler wird. Und wenn man ehrlich ist: In Kulturlandschaften braucht Stabilität manchmal auch Regulierung.
Was ist der häufigste Denkfehler in der Debatte?
Dass es nur schwarz/weiß gibt: „Jagd gut“ oder „Jagd böse“. Für mich ist die Frage: Wie und mit welcher Haltung? Eine Jagd, die Bestände gesund hält und Wildbret respektvoll nutzt, kann nachhaltiger sein als Schäden zu ignorieren und am Ende mit Zäunen, Nachpflanzungen und Konflikten zu leben.
Was wünschst du dir konkret in der Praxis?
Mehr gemeinsame Sprache: Schäden dokumentieren, Zeitfenster abstimmen, Lebensräume mitdenken. In Wiener Weingärten wird dieses Spannungsfeld aus Jagd, Weinbau, Mensch und Wild als eigenes Managementthema beschrieben – das trifft den Kern.
Nachhaltigkeit ganz konkret: Wildtiermanagement statt Dauer-Reparatur
Schäden verstehen – bevor man reagiert
Wer Schäden minimieren will, muss sie sauber einordnen (Verbiss, Fraß an Früchten, Wühlen etc.). Projekte zur Wildschadenbeurteilung im Weinbau zeigen genau diese Systematik.
Rechtlicher Rahmen: Wildschaden ist ein Verfahrensthema
In Niederösterreich regelt das Jagdgesetz u. a. den Ersatz von Jagd- und Wildschäden und das Verfahren, wie Schäden geltend gemacht werden können.
Wildbret: regionale Nutzung statt Wegwerfen
Wenn Jagd passiert, gehört für mich auch dazu, Wildbret als Lebensmittel ernst zu nehmen – mit Hygiene, Untersuchung und korrekter Vermarktung. Jagdverbände und Fachunterlagen betonen hier die Rolle der „kundigen Person“ und die Hygieneschritte vor einer Abgabe/Vermarktung.
Wildbret & Wein: kulinarisch sinnvoll, wenn’s ehrlich bleibt
Wild ist kein „Event-Gag“, sondern ein Produkt mit Herkunft, Saison und Respekt. In meiner Speisekammer-Denke (Kimchi, Gewürze, Ferment) passt Wild perfekt: weniger Abfall, mehr Handwerk, mehr Geschmack. (Und natürlich: mit den passenden Weinen dazu.)
FAQ: Jagd & Weingut
Ist Jagd im Weinbau „notwendig“?
In vielen Regionen ist Wildtiermanagement ein realer Faktor, weil Wildschäden im Weinbau dokumentiert sind – besonders in Junganlagen.
Welche Wildtiere verursachen im Weinbau typischerweise Probleme?
In österreichischen Kontexten werden u. a. Hasen/Kaninchen/Rehe als Verursacher von Verbissschäden genannt; allgemein sind auch Wühlschäden ein Thema.
Wie passt das zu Bio/Biodynamie?
Bio/Biodynamie heißt nicht „Konflikte verschwinden“, sondern „Systeme stabilisieren“. Dazu gehören auch Fauna und Bestandsmanagement – idealerweise so, dass der Bedarf an harten Eingriffen langfristig sinkt.
Darf Wildbret einfach so verkauft werden?
Es gibt klare Hygieneregeln (u. a. Untersuchung/Beurteilung durch kundige Person bzw. amtliche Kontrolle, je nach Fall). Wer abgibt oder vermarktet, muss diese Vorgaben einhalten.
Was ist dir ethisch am wichtigsten?
Respekt vor Wild und Lebensraum, saubere Entscheidungen, und dass aus Eingriff auch Nutzung und Verantwortung folgt – nicht „Trophäe“, sondern Kreislaufdenken.
Rezept: Rehragout „Weingarten-Style“ mit Wurzelgemüse
Zutaten (4 Personen)
- 800–1000 g Reh (Schulter/Schlögel), in Würfel
- 2 Zwiebeln, 2 Karotten, 1 Selleriestange, 1 Petersilienwurzel (oder Pastinake)
- 2 Knoblauchzehen
- 2 EL Tomatenmark
- 500 ml Wildfond (oder Rinderfond)
- 150–250 ml Rotwein (zum Ablöschen)
- 2 Lorbeerblätter, 6 Wacholderbeeren, 1 TL Thymian
- Salz, Pfeffer, neutrales Öl/Butterschmalz
- optional: 1 TL Preiselbeeren oder ein Stück dunkle Schokolade (nur für Tiefe, nicht süß)
Zubereitung
- Fleisch salzen, in heißem Fett portionsweise kräftig anbraten (Röstaromen sind der Motor). Herausnehmen.
- Gemüse würfeln, im selben Topf anschwitzen, Tomatenmark kurz mitrösten.
- Mit Rotwein ablöschen, einkochen lassen.
- Fleisch zurück, Fond dazu, Gewürze rein.
- Sanft schmoren: 75–120 Minuten bei kleiner Hitze, bis das Reh butterzart ist.
- Abschmecken: Salz/Pfeffer, optional Preiselbeere/Schoko für Tiefe.
- Dazu: Serviettenknödel, Erdäpfelpüree oder Polenta + etwas säuerlicher Krautsalat.
Wein dazu: So würde ich’s pairing-technisch machen
Wild braucht Struktur, aber nicht zwangsläufig „Holzbombe“. Ich mag dazu Weine, die Grip, Würze und Länge haben – und die das Fleisch tragen, ohne es zuzudecken.
Beste Wahl (klassisch)
- Ein kühler, würziger Rotwein mit Struktur
→ ideal, wenn er eher präzise ist und nicht von neuem Holz dominiert.
Alternative (wenn du’s moderner willst)
- Ein Orange/skin-contact Wein mit Textur (z. B. zu Reh + Wurzelgemüse richtig spannend)
→ weil er Umami, Kräuter und Röstaromen oft genial abholt.
Servier-Tipps (entscheidend)
- Rotwein: 16–18 °C, gern 30 Minuten karaffieren (besonders wenn jung/eng).
- Orange: eher 12–14 °C, auch gern kurz Luft.
