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Organic & Natural Wines: Philosophie und Trends

    Ich arbeite seit Jahren an einer einfachen Idee: Wein so entstehen lassen, dass er nicht „gemacht“ wirkt. Bei mir heißt diese Linie nicht zufällig „Unchained“ – Zeit und Ruhe sind zentrale Faktoren, und Weine dürfen bei mir auch sehr lange reifen, ohne ständig „gestört“ zu werden. Wenn man über Organic, Natural und Low Intervention spricht, landet man schnell in Schlagworten. Ich will das hier bewusst fachlich und greifbar machen: Was ist was? Welche Trends sehe ich gerade? Und wer ist eigentlich die Zielgruppe – wirklich?


    Begriffe sauber trennen: Organic ≠ Natural

    Organic (Bio) ist geregelt – und messbar

    „Bio“ ist in der EU an Regeln und Kontrollen gebunden (Recht & Zertifizierung). Für Wein gibt es u. a. Vorgaben zu zugelassenen Verarbeitungsschritten und SO₂-Höchstwerten, die gegenüber konventionell reduziert sind (z. B. Richtwerte wie 100 mg/l für trockene Rotweine und 150 mg/l für trockene Weiß-/Roséweine; Details hängen vom Wein-Stil/Zucker ab). Das ist wichtig, weil „Bio“ nicht heißt „ohne Sulfit“ – sondern: reguliert, reduziert, nachvollziehbar.

    Natural ist (meist) ein Stil – nicht automatisch ein Gesetz

    „Natural wine“ ist international nicht einheitlich gesetzlich definiert. Genau deshalb entstehen Initiativen wie „Vin méthode nature“ in Frankreich: ein (privates) Regelwerk mit klaren Kriterien (u. a. Bio-Trauben, spontane Vergärung, keine Zusätze; falls Schwefel, dann nur begrenzt – in der Charta ist u. a. eine Grenze von ≤ 30 mg/l genannt).

    Mein fachlicher Ansatz:

    • Organic ist das Fundament (Anbau + Regeln + Kontrolle).
    • Natural/Low Intervention ist die Frage, wie weit man im Keller auf „Korrekturen“ verzichtet – und wie konsequent man Prozess und Risiko managt.

    Meine Philosophie: Low Intervention ist kein „Weglassen um jeden Preis“

    Ich sehe Low Intervention nicht als Religion, sondern als Handwerk. Für mich sind das vier Prinzipien:

    1. Ökosystem zuerst: Gesunde Reben sind die beste „Kellertechnik“.
    2. Zeit statt Korrektur: Reifung und Hefelager können Stabilität und Tiefe bringen – ohne dass man dauernd eingreift. (Bei „Unchained Stein+Holz“ ist „Zeit der wichtigste Faktor“, Weine können sehr lange reifen.)
    3. Transparenz: Menschen wollen heute wissen, wie etwas gemacht wird – nicht nur wie es schmeckt.
    4. Trinkfreude ohne Fehlerkult: „Funky“ ist kein Qualitätsmerkmal. Ein Wein darf wild sein – aber er muss sauber sein.

    Trends 2026/27, die ich klar sehe

    „Weniger trinken, besser trinken“ – Premiumisierung

    Der Gesamtmarkt tut sich schwer: OIV schätzt den globalen Weinkonsum 2024 niedriger als 2023. Gleichzeitig stützen höhere Durchschnittspreise den Wert.
    IWSR beschreibt für 2025ff Wachstum eher in Premium- und Above-Premium-Segmenten („drinking less, but better“ in der Praxis).

    Was das für Organic/Natural heißt: Wer Charakter + Story + Qualität liefert, hat Chancen – wer austauschbar ist, wird’s schwerer haben.

    Zielgruppen verschieben sich (Gen Z & junge Millennials)

    Jüngere Konsument:innen suchen weniger Prestige und mehr Werte, Erlebnis, Community, Authentizität – oft auch leichtere, zugänglichere Stile.
    Für mich bedeutet das: Sprache vereinfachen, Erlebnisse schaffen, und Wein nicht als Prüfungsfach verkaufen.

    Organic wird vom „Nice-to-have“ zum neuen Normal

    Bio-Flächen wachsen – in der EU und weltweit. Für Weinbau wird z. B. berichtet, dass 2022 weltweit rund 562.000 ha organisch bewirtschaftet wurden (ca. 8,3% der Rebfläche). In Österreich ist Bio im Weinbau besonders stark: 25% der Rebfläche sind laut Austrian Wine als organisch zertifiziert.

    Konsequenz: „Bio“ allein ist immer seltener das Unterscheidungsmerkmal. Differenzierung passiert über Stil, Präzision, Herkunft, Haltung.

    Natural Wines „werden erwachsen“

    Die Szene bewegt sich weg von „Fehler als Ausweis von Natürlichkeit“ hin zu präziser, stabiler Interpretation: weniger extreme Oxidation, weniger „Mouse“, mehr Trinkfluss. Das ist kein Verrat an der Idee – das ist Professionalität (und nötig, wenn die Zielgruppe größer werden soll).

    „Alternative Weine“ als Wachstumspfad

    IWSR hebt Organic/Natural/Alternative Wines als Wachstumsfeld in einem schwierigen Marktumfeld hervor.


    Wo ich die Zielgruppe sehe: 3 Kreise statt 1 Nische

    Die „Natürlichkeit-ist-Programm“-Kunden

    • Natural-Wine-Bars, Sommeliers, progressive Gastronomie
    • Menschen, die nach Handschrift suchen
      Was sie wollen: Spannung, Textur, Energie – und Hintergrundinfos, die echt sind.

    Wachstumszone: bewusste Genießer:innen

    • Bio-affine Haushalte, Foodies, Menschen die gerne kochen
    • „Ich will weniger Zusätze, mehr Herkunft“
      Was sie wollen: Klarheit, Verlässlichkeit, nachvollziehbare Produktion (ohne Dogma).

    Klassische Weintrinker:innen, die offen sind

    • „Ich mag guten Wein, aber ohne Holz-Make-up und ohne Marketing-Blabla“
      Was sie brauchen: Einstieg über Trinkigkeit und Pairing (Essen!), nicht über Szene-Codes.

    Der wichtigste Punkt:
    Die Zielgruppe ist nicht „Natural Nerds“. Sie ist viel breiter – aber sie hat eine klare Erwartung: Ehrlichkeit + Qualität + Erlebnis.


    Fragen?

    Frage: Was ist für dich der größte Irrtum bei Natural Wine?
    Ich: Dass „wenig Intervention“ automatisch „wenig Verantwortung“ heißt. Das Gegenteil ist wahr: Du musst mehr verstehen, sauberer arbeiten und mehr Geduld haben.

    Frage: Was muss man kommunizieren, damit die Zielgruppe wächst?
    Ich: Nicht nur „ohne Zusätze“, sondern: Warum schmeckt das so? Was passt dazu? Wie trinkt man das? – und ohne elitären Ton.

    Frage: Wo wird entschieden, ob Natural/Organic gewinnt?
    Ich: In der Gastronomie und im Freundeskreis. Wenn der Wein am Tisch funktioniert, ist die Debatte vorbei.

    Artikel zum Thema

    https://www.foodandwine.com/gen-z-wine-trends-2025-11868702

    https://www.theguardian.com/food/2025/sep/28/gen-z-wine

    https://www.vogue.com/article/gen-z-sommeliers

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