Wer Martin Obenaus besucht, merkt schnell: Hier geht es nicht um „mehr Technik“, sondern um mehr Natur – und um einen Weinbau, der Jahr für Jahr weniger Eingriffe braucht. Sein Credo nennt er „Unchained“: Die Natur „entketten“, damit die Weingärten als Ökosystem stabiler werden.
Obenaus bewirtschaftet seine Weingärten in Glaubendorf (westliches Weinviertel, rund um den Heldenberg) – mit Löss- und Schotterböden und etwa 25 ha Rebfläche.
Ein Baustein dieser Arbeitsweise: „Tee“ im Weingarten – genauer: Komposttee.
Kurz erklärt: Was bedeutet „Tee als Stärkung“?
Komposttee ist ein flüssiger Auszug, bei dem nützliche Mikroorganismen aus hochwertigem Kompost „in Lösung“ gebracht und vermehrt werden. Er wird auf Boden oder Blatt ausgebracht und gilt im Bio-Kontext als Pflanzenstärkungsmittel – nicht als klassischer Dünger.
Wichtig: In der Praxis bedeutet das meist nicht „gar kein Pflanzenschutz“, sondern: Pflanzen & Boden so stärken, dass weniger/gezielter eingegriffen werden muss. (Und genau darauf zielt Obenaus’ „Unchained“-Gedanke ab.)
Interview: „Tee als Stärkung“ – Martin Obenaus über Komposttee im Weingarten
Martin, wofür steht „Unchained“ bei dir?
Martin: „Unchained“ heißt für mich: Die Natur nicht ständig korrigieren, sondern ihr Raum geben. Ich arbeite so, dass das System Weingarten stabiler wird – und ich langfristig weniger eingreifen muss.
Du sprichst von „Tee statt Spritzmittel“. Was meinst du damit?
Martin: Mit „Tee“ meine ich vor allem Komposttee. Das ist für mich kein Trend, sondern ein Werkzeug, um Mikroorganismen in Boden und auf der Pflanze zu stärken. Ich will die Rebe nicht „reparieren“, sondern vitalisieren – damit sie widerstandsfähiger wird.
Wie stellst du deinen Komposttee her?
Martin: Der wichtigste Punkt ist die Grundlage: wirklich guter Kompost. Ich arbeite da sehr konsequent und mache mir meine Qualität selbst – auch über eine Wurmbox. Und ja, ich habe an einem Zubereitungskessel mitentwickelt, weil mir die saubere, nachvollziehbare Herstellung extrem wichtig ist.
Was ist der Unterschied zu klassischen Spritzmitteln?
Martin: Für mich ist das ein anderer Ansatz. Spritzmittel sind oft „Problem lösen, wenn es da ist“. Komposttee ist eher: System stärken, bevor es kippt. Ich sehe das als Pflanzenstärkung – nicht als Wundermittel, das alles ersetzt.
Heißt das: Du spritzt gar nichts mehr?
Martin: Ich verspreche keine Märchen. Es geht nicht um „Null um jeden Preis“, sondern um einen Weg: Wenn Bodenleben, Pflanze und Umgebung in Balance kommen, brauche ich weniger und gezieltere Maßnahmen. Das ist genau der Gedanke hinter meiner Arbeitsweise.
Bringst du Komposttee am Boden aus oder aufs Blatt?
Martin: Beides kann Sinn machen – je nachdem, was ich erreichen will. Boden ist die Basis. Aber auch die Blattoberfläche ist eine eigene kleine Welt. Mir geht es immer um Stabilität und Konkurrenzkraft durch die richtigen Mikroorganismen.
Was muss stimmen, damit Komposttee „funktioniert“?
Martin: Qualität, Qualität, Qualität. Der Kompost muss passen, die Herstellung muss sauber sein, und die Anwendung muss zum Zeitpunkt und zum Ziel passen. Wenn man das schlampig macht, ist es nur „braune Brühe“. Wenn man es ernst nimmt, kann es ein echtes Werkzeug sein.
Warum passt das zu deinem biodynamischen Denken?
Martin: Biodynamie heißt für mich: Kreisläufe verstehen und fördern. Kompost, Mikroorganismen, Pflanzen, Tiere, Nützlinge – das gehört zusammen. Darum kümmere ich mich auch um Biodiversität im Weingarten, nicht nur um die Rebe.
Was wünschst du dir, wenn Leute „Tee statt Spritzmittel“ hören?
Martin: Dass sie es nicht als Dogma verstehen, sondern als Denkweise: Stärken statt ständig reparieren. Und dass wir wieder mehr über Bodenleben sprechen – weil dort am Ende alles beginnt.
FAQ
Ist Komposttee ein Dünger?
Eher nicht: Komposttee gilt als Pflanzenstärkungsmittel bzw. „Katalysator“ für Boden- und Blattprozesse.
Kann Komposttee Fungizide ersetzen?
Je nach Situation kann er als Blattspray unterstützend wirken (Konkurrenz durch nützliche Mikroorganismen). Die Studienlage ist aber nicht immer eindeutig – Qualität/Herstellung sind entscheidend.
