Mein Credo lautet „Unchained“: Meine biodynamisch bewirtschafteten Weingärten sollen wieder ein Ökosystem werden, in dem Eingriffe immer weniger notwendig sind.
Zu dieser Idee passen Tiere nicht als Deko, sondern als Werkzeug. Und ja: Bei uns gehören Schafe dazu – das wird auch in einem Portrait über unsere Arbeit im Weingarten so beschrieben („Schafe im Garten“). Den Artikel dazu findet ihr hier Kalk & Kegel
Was Schafe im Weingarten wirklich leisten
Wenn man’s nüchtern betrachtet, sind Schafe vor allem eines: lebende Vegetationsmanager.
1) Unkraut- & Unterstock-Management ohne Chemie
Die Australian Wine Research Institute beschreibt Schafbeweidung als gängiges Werkzeug – konventionell wie biologisch – zur Unkrautkontrolle. Typisch ist Winterbeweidung: Sie hält Bewuchs von Laubfall bis Austrieb niedrig und reduziert den Druck in die Saison hinein.
2) Weniger Traktorfahrten, weniger Diesel, weniger Emissionen
Gut gemanagt kann Winterbeweidung Mähen/Schlegeln und Spritzen reduzieren – damit sinken laut AWRI Treibstoffkosten und Treibhausgasemissionen.
3) Nährstoffkreislauf & Bodenleben
Schafe fressen Biomasse und machen daraus Mist – das ist Nährstoffrecycling im Feld. AWRI nennt explizit: „Nutrients are cycled through the sheep.“
Und moderne Praxis-Guides (z. B. Canopy/IWC) nennen zusätzlich Effekte wie Cover-Crop-Termination + Düngung und potenzielle Soil-Health-Services (Biomasse → Manure, weniger Maschinen).
4) Laubarbeit, Ausbrechen, Suckern – aber nur mit System
Das klingt verrückt, ist aber real: Canopy beschreibt Einsätze von Schafen für gezielte Laubentfernung im Fruchtbereich, Sucker-/Wasserschosser-Entfernung und nennt dafür Timing-Fenster und Stock-/Draht-Höhen als Sicherheitsfaktoren. Das ist allerdings „Advanced Mode“ – nicht der Standard für jeden Betrieb.
Martin Obenaus über Schafe im Weingarten
Warum überhaupt Tiere – reicht nicht Begrünung & Traktor?
Ich: Begrünung ist super, aber sie muss auch gemanagt werden. Ich sehe Schafe als Möglichkeit, Input zu reduzieren: weniger Diesel, weniger Lärm, weniger „drüberfahren“. Gleichzeitig bleibt der Gedanke „Unchained“ lebendig: Natur arbeitet für uns – wir müssen nur richtig steuern.
Wann sind Schafe bei dir sinnvoll – und wann nicht?
Ich: Klassisch im Winter. Da ist die Rebe im Ruhezustand, das Risiko von Fraßschäden ist klein, und die Tiere können den Bodenbewuchs gut kurz halten. Genau so wird es auch als typisches Vorgehen beschrieben (über Winter, raus im Frühjahr).
Was ist dein größter „Aha“-Effekt?
Ich: Dass man plötzlich merkt, wie viel „Arbeit“ eigentlich nur Vegetationsmanagement ist. Wenn Schafe einen Teil davon übernehmen, wird’s ruhiger im Weingarten – und das passt zu meiner biodynamischen Grundidee.
Risiken & Grenzen (wichtig, wenn man’s ernst meint)
Schafe sind kein Allheilmittel. Wer sie integriert, muss auch die Risiken managen:
1) Verdichtung in nassen Böden
AWRI nennt als Nachteil: Verdichtung in wasserlogged soils (sehr nasse Böden).
Heißt praktisch: Nicht „einfach reinlassen“, sondern auf Bodenbedingungen und Standzeiten achten.
2) Jungfelder sind heikel
AWRI listet die Eignung in jungen Weingärten als „poor“.
Junge Stöcke, tiefe Drähte, empfindliche Stämme: da braucht es extra Schutz oder man lässt es.
3) Austrieb & grüne Triebe: kritische Phase
Viele Betriebe holen die Tiere spätestens bei grünen Trieben raus (Canopy beschreibt genau diese Praxis: überwintern und „move them on as soon as any green shoots appear“).
4) Kupfer-Thema im Bio-Weinbau
In Bio-Systemen wird (je nach Betrieb/Jahr) auch mit Kupferpräparaten gegen Pilzkrankheiten gearbeitet. Eine FiBL/Orgprints-Studie zu Schafen in Bio-Weingärten zeigt: Winterbeweidung ist „reasonably safe“, aber Dauer und Exposition müssen beachtet werden; Kupfer kommt zu großen Teilen über Spritzbeläge auf der Vegetation.
Heißt: Timing nach Spritzungen, Regen/Abwasch-Effekte, und Beweidungsdauer sind nicht „Nebensache“.
5) Biodiversität: Chancen – aber nicht automatisch
Eine Open-Access-Studie (Basic and Applied Ecology, 2025) beschreibt Weide-Systeme als ökologische Intensivierung: Schafe können Mulchen ersetzen (weniger fossile Inputs) und liefern Dung als Ressource für Insekten; Effekte auf Wildbienen hängen stark davon ab, ob auch Böschungen/Strukturen einbezogen werden.
Praxis-Checkliste: Wenn du Schafe in den Weingarten bringen willst
- Saison wählen: Start mit Winterbeweidung (Laubfall → vor Austrieb).
- Stockdichte/Standzeit planen: lieber kurz & rotierend als „wochenlang drauf“. (Canopy nennt als grobe Start-Richtwerte z. B. hohe Besatzdichten für kurze Zeitfenster – das ist aber stark standortabhängig.)
- Boden schützen: nicht bei „Sumpfbedingungen“ (Verdichtung).
- Reb-Architektur beachten: hohe Drähte/hoher Stamm = weniger Fraßrisiko; niedrig erzogene Anlagen sind sensibler.
- Bio-Spritzplan mitdenken: Kupfer-Beläge/Weidefenster/Regenevents beachten.
FAQ: Schafe im Weingarten
Fressen Schafe die Reben oder Trauben?
Im Winter meist nicht relevant (keine grünen Triebe). Kritisch wird’s ab Austrieb – deshalb holen viele Betriebe die Tiere dann raus.
Ist das „bio“ oder „biodynamisch“ automatisch besser?
Es ist ein Werkzeug. Es kann Input senken (Mähen/Spritzen/Traktorfahrten) – muss aber sauber gemanagt werden (Boden, Timing, Nährstoffkreislauf).
Macht das den Boden immer besser?
Nicht automatisch. Bei nassen Böden droht Verdichtung; Rotationsmanagement ist entscheidend.
Gibt es gesundheitliche Risiken für die Tiere (Kupfer)?
Im Bio-Weinbau kann Kupfer eine Rolle spielen. Die FiBL-Studie sieht Winterbeweidung als grundsätzlich möglich, rät aber zu Vorsicht bei Weidedauer und Exposition.
Warum macht man das überhaupt – lohnt sich das?
AWRI nennt Vorteile wie effektive Unkrautkontrolle, Nährstoffkreislauf und weniger Slashing/Spraying (Kosten & Emissionen).
